- Was ist gemeint, wenn wir das Recht auf selbstbestimmte Entwicklung fordern? Geht es um die Befriedigung von Grundbedürfnissen oder haben wir weitergehende Konzepte zur Veränderung ganzer Gesellschaften im Kopf? Ist es überhaupt sinnvoll, von “Entwicklung” zu sprechen oder sollten wir andere Begriffe benutzen?
- Welche alternativen Konzepte oder Strategien zum dominanten westlichen Entwicklungsmodell gibt es bereits? Was können wir von Konzepten wie “Ernährungssouveränität”, “Buen Vivir”, “Klimagerechtigkeit”, “Degrowth” oder “Post-Development” lernen?
- In welchen Bereichen muss es auf globaler, nationaler und lokaler Ebene jeweils Veränderungen geben, damit überhaupt so etwas wie selbstbestimmte Entwicklung möglich ist?
- Wie können Migrant_innen und Geflüchtete in Europa – oder die Diaspora-Communities insgesamt – alternative Entwicklungswege von unten in ihren Herkunftsländern politisch, finanziell und sozial unterstützen, auch im Rahmen zirkulärer Migration? Und wie können Menschen ohne Migrationsgeschichte dabei mitwirken?
- In welche Richtung müssen sich die reichen Länder (einschließlich der transnationalen Verbraucherklassen in Nord und Süd) entwickeln, wenn es nicht endgültig zum ökologischen (Klima-)Kollaps kommen soll? Konkreter: Inwiefern müssen die Ökonomien der reichen Industrieländer schrumpfen bzw. durch andere Wirtschaftsweisen ersetzt werden, damit die Menschen in den seit Jahrhunderten arm gemachten Ländern des globalen Südens endlich Luft zum Atmen bzw. zur selbstbestimmten Entwicklung bekommen?
By: Olaf Bernau
25.09.2017
Nächste Woche, vom 6.-8-Oktober 2017, findet in Leipzig die Konferenz „Selbstbestimmt und Solidarisch“ statt. Diese Konferenz ist an der Schnittstelle von Migration, selbstbestimmter Entwicklung und ökologischer Krise angesiedelt. An dieser Stelle beschreibt Olaf Bernau von Afrique-Europa-Interact, worum es gehen wird.
Spätestens seit Geflüchtete im Sommer 2015 das europäische Grenzregime vorübergehend aus den Angeln gehoben haben, ist die Beschäftigung mit Fluchtursachen zu einer Art Dauerbrenner in der europäischen Öffentlichkeit avanciert – dies insbesondere mit Blick auf afrikanische Länder. Denn die EU-Regierungen hoffen, auf diese Weise die Zahl neu ankommender Geflüchteter deutlich reduzieren zu können.
Mittels milliardenschwerer Programme wie dem “Marshallplan mit Afrika” oder dem jüngst beim G20-Gipel in Hamburg beschlossenen “Compact with Africa” sollen Privatinvestitionen aus den reichen Ländern gefördert werden. Nur so, heißt es, ließen sich jene Wachstumsimpulse setzen, die langfristig zu wirtschaftlichem Aufschwung und somit neuen Arbeitsplätzen in Afrika führen würden. Gleichzeitig ist die EU weiterhin mit der Vorverlagerung ihres Grenzregimes beschäftigt. Dabei schreckt sie auch nicht vor einer Kooperation mit Diktaturen wie im Sudan oder Eritrea zurück – genauso wenig wie vor einer Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache, obwohl selbst das deutsche Außenministerium die Situation in libyschen Auffanglagern als blanken Horror beschreibt.
Doch nicht nur die Inkaufnahme schwerster Menschenrechtsverletzungen ist skandalös. Nicht weniger dramatisch ist, dass die ins Auge gefassten Entwicklungsstrategien in erster Linie den Profitinteressen transnationaler Unternehmen dienen, nicht aber dem Wohl jener Länder, um die es eigentlich geht. Vor allem drei Aspekte sind in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen – auch mit Blick darauf, dass wir bei der Konferenz verschiedene Themen und Fragestellungen verknüpfen wollen: Erstens sind die katastrophalen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse im Süden des Globus das Ergebnis jahrhundertelanger, tief im Kolonialismus verankerter Dominanz- und Ausbeutungsverhältnisse – einschließlich der Installierung oder des Schutzes “westlich” orientierter Regime. Jedes Reden über Entwicklung muss sich diesem komplexen Erbe stellen, ein schlichtes “Weiter-So” verbietet sich von selbst. Zweitens ist es irreführend, Migration und Entwicklung als Gegensätze zu präsentieren – so wie das seitens der Politik in aller Regel passiert. Denn Geflüchtete und Migrant_innen – die Übergänge zwischen den beiden Gruppen sind fließend – leisten unter anderem durch regelmäßige Geldüberweisungen an ihre Familien und Freund_innen einen bedeutsamen Beitrag zur Entwicklung ihrer Herkunftsgesellschaften. Wo dies durch repressive Migrationspolitik verhindert wird, drohen beträchtliche Finanzengpässe bei Ernährung, Gesundheitsversorgung und Schulbildung, wofür die Rücküberweisungen in aller Regel verwendet werden. Drittens ist die Welt von vielfältigen ökologischen Krisen betroffen – insbesondere hinsichtlich Klima, Bodenqualität, Wasser und Biodiversität. Ungebremstes Wirtschaftswachstum, jetzt auch im Süden des Globus, ist daher auf keinen Fall eine Lösung. Hier bedarf es ganz anderer Debatten, vor allem zur Frage, was überhaupt unter selbstbestimmter Entwicklung zu verstehen ist. In diesem Sinne sollen bei der Konferenz ganz verschiedene Fragen zur Sprache kommen:
Aus welchen Gründen machen sich Geflüchtete und Migrant_innen auf den Weg? Stichwort: “Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört!”.
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